• Rechtsanwalt Croset
  • Rechtsanwältin Much
  • Rechtsanwalt Feussner
  • Rechtsanwalt Strauß

Scheinpraktikum? Praktikant kann Arbeitnehmerlohn einklagen

Arbeitet ein Praktikant wie ein Arbeitnehmer, dann hat er auch Anspruch auf einen berufsüblichen Lohn – mindestens aber auf den gesetzlichen Mindestlohn. Wird das Praktikum vom Arbeitsgericht als Scheinpraktikum und damit als verdecktes Arbeitsverhältnis eingestuft, ist der Arbeitgeber zu hohen Nachzahlungen verpflichtet. Croset Fachanwälte für Arbeitsrecht erläutern die Kriterien für ein Scheinpraktikum und dessen Folgen.

Praktikant vs. Arbeitnehmer

In keinem Gesetz wird ausdrücklich definiert, was ein Praktikum ist, wie man es zu gestalten hat. Das führt in der Praxis zu rechtlichen Abgrenzungsschwierigkeiten zwischen Praktikanten und regulären Arbeitnehmern.

  • Ein Arbeitnehmer hat einen Arbeitsvertrag mit seinem Arbeitgeber: Er hat sich dazu verpflichtet, weisungsgebunden eine bestimmte Arbeitsleistung zu erbringen.
    Im Gegenzug erhält er eine Entlohnung.
  • Ein Praktikant ist nur vorübergehend in einem Betrieb praktisch tätig, um sich praktische Kenntnisse und Erfahrungen anzueignen, zur Vorbereitung auf einen Beruf oder im Rahmen seiner Ausbildung. Das Praktikantenverhältnis hat vor allem einen Ausbildungszweck.
    Die Vergütung für ein Praktikum ist deshalb auch eher eine Aufwandsentschädigung oder eine Beihilfe zum Lebensunterhalt (Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 13.03.2003 – 6 AZR 564/01).

 Aufwandsentschädigung, Lohnwucher, berufsübliche Entlohnung

Bei einem Praktikum steht also der Erwerb praktischer Kenntnisse im Vordergrund und nicht die Arbeitsleistung. Wird ein Praktikant vom Arbeitgeber wie ein Arbeitnehmer eingesetzt, dann stellt die geringe Aufwandsentschädigung einen Fall von sittenwidrigem und unzulässigem Lohnwucher dar.

An deren Stelle tritt dann die berufsübliche Vergütung. Ein Praktikant, der als Arbeitnehmer beschäftigt wird, hat deshalb Anspruch auf vollen Lohn – die berufsübliche Entlohnung.

Dieser arbeitsrechtliche Begriff muss im konkreten Fall natürlich in eine klar bezifferte und belegbare Forderung übersetzt werden. Das ist oft mit einigem Aufwand verbunden. Die Frage nach der branchenüblichen Lohnhöhe ist regelmäßig ein Hauptstreitpunkt vor dem Arbeitsgericht. Das haben wir als Rechtsanwälte für Arbeitsrecht zur Genüge erfahren.

Der Mindestlohn gilt auch für viele Praktikanten

Auch wenn beim Praktikum Lerneffekt und Ausbildungszweck im Vordergrund stehen und nicht die Arbeitsleistung, hat der Praktikant dennoch Anspruch auf den seit Anfang 2015 geltenden Mindestlohn.

Allerdings gibt es davon einige Ausnahmen:

  • Der Mindestlohn entfällt, wenn es sich um ein Pflichtpraktikum im Rahmen von Schule oder Studium handelt und nicht um ein freiwilliges Praktikum.
  • Dauert das Praktikum nur drei Monate oder kürzer, besteht ebenfalls kein Mindestlohnanspruch.
  • Ist der Praktikant unter 18 oder Auszubildender oder ehrenamtlich tätig, kann er ebenfalls keinen Mindestlohn beanspruchen.

Nicht der Praktikumsvertrag, die Praxis zählt

Wenn Arbeitsrichter darüber entscheiden, ob im konkreten Fall ein Praktikum oder ein Arbeitsverhältnis vorliegt, achten sie weniger auf den Wortlaut des Vertrags. Entscheidend ist vielmehr die Praxis: Wie wurde das Praktikum tatsächlich durchgeführt?

Wenn es in der Realität nicht darum ging, dem Praktikanten Berufserfahrung zu vermitteln, und er vor allem zur Arbeitsleistung verpflichtet war, handelt es sich um ein Scheinpraktikum. Damit wird der Praktikant zum Arbeitnehmer und das Vertragsverhältnis zum Arbeitsverhältnis. Dass über dem Vertrag der Titel „Praktikumsvertrag“ steht, ändert daran gar nichts.

  • Ein Indiz für ein Scheinpraktikum ist, wenn der „Praktikant“ wochenlang gleichbleibende Tätigkeiten im Tagesgeschäft ausführt. Das am Kopierer verbrachte Betriebspraktikum ist ein Beispiel.
  • Für ein echtes Praktikum spricht dagegen, wenn der Praktikant verschiedene Abteilungen durchläuft, dort unterschiedliche Tätigkeiten ausprobiert, viele betriebstypische Abläufe kennenlernt und seine Einblicke schriftlich festhalten soll.

Die Zahl der Kriterien, die eine Rolle spielen, ist natürlich viel länger. Anwälte, die Spezialisten für Arbeitsrecht sind, bringen regelmäßig weitere einzelfallbezogene Gesichtspunkte ein.

Ob ein Praktikum wirklich als Scheinpraktikum gilt, wird ein Praktikant ohne Beratung durch einen auf Arbeitsrecht spezialisierten Rechtsanwalt kaum wirklich beurteilen können. Fest steht jedoch, dass gerade in Städten wie Berlin und Hamburg oder auch München Scheinpraktika in vielen Branchen vorkommen.

Plötzlich ist der Praktikant Arbeitnehmer

Ein Scheinpraktikum stellt ein hohes Haftungsrisiko für Arbeitgeber dar. Wird der Praktikant als Arbeitnehmer eingestuft, hat das einschneidende und teure Folgen für das Unternehmen.

  • Zunächst einmal ist in diesem Fall die im Praktikumsvertrag getroffene Vergütungsvereinbarung in Höhe einer Aufwandsentschädigung mit großer Wahrscheinlichkeit nichtig. Wurde der branchenübliche Lohn um mehr als 30 Prozent unterschritten, gilt die Vergütung als Lohnwucher (§ 138 Abs. 2 BGB).
  • Damit ist keine Vergütung mehr vereinbart – und deshalb hat der frischgebackene Arbeitnehmer Anspruch auf den typischen branchenüblichen oder tariflichen Lohn für seine Tätigkeit (§ 612 Abs. 2 BGB). Das ist dann natürlich deutlich mehr als eine Praktikumsvergütung. Selbst in Städten mit eher niedrigem Lohnniveau wie Berlin ist bei kaufmännischen Berufen in Vollzeit ein Monatslohn von etwa 2.000 Euro typisch, in Hamburg, Stuttgart oder München eher mehr.
  • Teuer wird für den Arbeitgeber auch die Pflicht, sämtliche Sozialversicherungsabgaben (Rentenversicherung, Arbeitslosenversicherung, Krankenversicherung und Pflegeversicherung) für den gesamten Zeitraum der Beschäftigung nachzuzahlen – und zwar jeweils Arbeitgeberanteil und Arbeitnehmeranteil.

Als Fachanwälte für Arbeitsrecht hatten wir schon häufig mit Verfahren um Scheinpraktika vor dem Arbeitsgericht zu tun. Die Nachzahlungen belaufen sich dabei regelmäßig auf mehr als 20.000 Euro – plus Sozialabgaben.

 Tipps für Arbeitgeber

  • Achten Sie unbedingt darauf, dass Sie Praktikanten so einsetzen, dass kein Arbeitsverhältnis behauptet werden kann. Sonst drohen erhebliche Nachzahlungen.
  • Durch bestimmte Maßnahmen können Sie den Vorwurf eines Scheinpraktikums von vornherein entkräften. Wichtig ist zum Beispiel ein Ausbildungsplan. Außerdem sollten Sie den Praktikanten Tätigkeitsberichte schreiben lassen.
  • Ein rechtssicherer Praktikumsvertrag ist ebenfalls unverzichtbar. Fachanwälte für Arbeitsrecht können Sie hier fachkundig unterstützen.
  • Es ist dringend darauf zu achten, dass bei der Beschäftigung von Praktikanten nicht in Wahrheit ein Arbeitsverhältnis entsteht. Andernfalls drohen erhebliche Nachzahlungen! In den gerichtlich entschiedenen Fällen beliefen sich die Nachzahlungen regelmäßig auf mehr als 20.000 € zzgl. Sozialabgaben.

Tipps für Arbeitnehmer

  • Wenn Sie als Praktikant nicht ausgebildet, sondern ausgebeutet werden, sollten Sie sich das nicht gefallen lassen. Sie müssen nicht für eine geringe Aufwandsentschädigung eine volle Arbeitsleistung erbringen.
  • Falls Ihr „Praktikum“ daraus besteht, genau wie reguläre Arbeitnehmer im Betrieb gleichbleibende Aufgaben des Tagesgeschäftes zu erledigen, dann kann ein Fachanwalt für Arbeitsrecht für Sie die vollen Lohnansprüche eines Arbeitnehmers durchsetzen.
  • Die zukünftigen und vor allem die rückwirkenden Nachzahlungen liegen nicht selten im fünfstelligen (!) Bereich.
  • Falls Sie eine Rechtsschutzversicherung haben, deckt diese die Kosten für Ihr Vorgehen gegen ein Scheinpraktikum. Häufig kann auch die Versicherung der Eltern greifen (Familienversicherung)

Fragen zu Ihrem eigenen Fall? Rufen Sie uns an!

Wenn Sie wissen wollen, wie es um Ihr Praktikum steht, bekommen Sie von uns schnell eine klare Auskunft. Vereinbaren Sie kurzfristig einen Termin unter 030 31 568 110 oder schicken Sie uns eine Nachricht.Es ist leider in der Praxis sehr häufig anzutreffen, dass Praktikanten nicht wirklich ausgebildet, sondern „ausgebeutet“ werden. Ihnen wird für die Erbringung einer vollen Arbeitsleistung wie ein Arbeitnehmer nur eine geringe Aufwandsentschädigung gezahlt. Dies müssen Sie sich nicht gefallen lassen!Das Vorgehen gegen ein Scheinpraktikum ist von der Rechtsschutzversicherung gedeckt!

Croset Fachanwälte für Arbeitsrecht, Berlin

Wir sind Rechtsanwälte und Fachanwälte für Arbeitsrecht mit Kanzleisitz in Berlin. Da wir ideologisch nicht festgelegt sind, vertreten wir Arbeitgeber (kleine, mittelständische und große Unternehmen mit bis zu 1.500 Mitarbeitern) und Arbeitnehmer (Angestellte aller Einkommensklassen, Führungskräfte, leitende Angestellte und Geschäftsführer) gleichermaßen – und zwar aus ganz Deutschland.

Wir haben schon mehrfach erhebliche Nachzahlungen für Praktikanten durchgesetzt. Unternehmen beraten wir regelmäßig dabei, Praktika rechtssicher zu gestalten.

- Ähnliche Beiträge -

Zurück